„Nein, zurück nach Hause möchte ich nicht" – Majas Weg in die inklusive WG
Vielleicht kennst du diesen Moment auch: Du siehst, wie Kinder in deinem Umfeld größer werden, selbstständiger, neugieriger und ihren eigenen Weg gehen. Sie ziehen aus dem Elternhaus aus. Gleichzeitig weißt du, dass der Weg ins Erwachsenenleben für dein Kind anders aussehen wird. Genau an diesem Punkt stand Katja Sengelmann vor acht Jahren. An einem Schultor, an einem ganz gewöhnlichen Vormittag, machte sie sich Gedanken, wo ihre Tochter Maja einmal wohnen könnte. Sie sah Busse, die Menschen mit Behinderung in verschiedene Einrichtungen fahren und wusste, dass sie für ihre Tochter etwas anderes wollte.
Aber welche Wohnformen gibt es überhaupt? Was ist alles zu beachten und vor allem, wie lässt sich das Ganze finanzieren? In diesem Blogartikel berichtet Katja Sengelmann von ihren persönlichen Erfahrungen bis zur Gründung der inklusiven WG „Super 8“ mit Unterstützung von Tobias Polsfuß vom Verein WOHN:SINN.
Eine inklusive WG gründen ohne Blaupause
„Zu dir nach Hause zurückziehen? Nein, möchte ich nicht. Weil ich fühl mich wohl in der WG, die sind da sehr nett und lächeln mich auch an." Das sagt Maja, 21 Jahre alt. Seit viereinhalb Monaten lebt sie in der inklusiven WG "Super 8" in Berlin. Auch für ihre Mutter Katja Sengelmann ist das ein riesiger Schritt. In den ersten drei Monaten hat Maja nur zweimal zuhause übernachtet. Sie ist in ihrer neuen WG angekommen.
Katja Sengelmann hat vier Kinder. Als die beiden älteren auszogen, wurde ihr klar: Ihre Tochter Maja würde als Nächste drankommen. „Wenn man es bei den Geschwisterkindern erlebt, fängt man automatisch an, sich damit zu beschäftigen“, so Katja Sengelmann. Was sie nicht wollte war, dass ihre Tochter bis ins hohe Alter bei ihr und ihrem Mann leben würde. „Das konnte ich mir nicht vorstellen – weder für Maja noch für mich. Es gibt ja auch ein Leben nach den Kindern."
Maja kam in der 29. Schwangerschaftswoche als Frühchen auf die Welt. „Die Prognosen waren ziemlich schlecht", erinnert sich Katja Sengelmann. Aber Maja kämpfte. Heute ist sie körperlich fit, nur die geistige Entwicklung verlief anders, Rechnen und Lesen fallen ihr schwer. Doch im Alltag ist sie ziemlich selbstständig. „Wenn du einmal mit ihr kochst, weiß sie beim zweiten Mal schon genau, wo der Mixer im Schrank steht", erzählt Katja Sengelmann. Doch wo würde sie einmal wohnen können?
Über eine Bekannte hörte Katja Sengelmann von einem Workshop des Vereins WOHN:SINN, einem Netzwerk für inklusives Wohnen. Da war Maja gerade erst 13 Jahre alt. Beim Workshop begegnete sie Tobias Polsfuß, dem Vereinsgründer. Er hatte während seines Studiums in München ein WG-Zimmer gesucht – aussichtslos, bis ihn eine Freundin auf eine inklusive WG aufmerksam machte. Was er dort erlebte, veränderte alles.
„Ich habe dort mietfrei gewohnt und im Gegenzug einmal in der Woche und ein Wochenende im Monat als Assistent für meine Mitbewohner:innen gearbeitet", erzählt er. Aus diesem Zufall ist mittlerweile sein Beruf geworden. Er sah die Vorteile für beide Seiten und gründete 2017 erst das ehrenamtliche Projekt, dann den Verein WOHN:SINN. Mittlerweile gibt es vier Regionalstellen (Köln, Dresden, München, Bremen) und mehr als 180 Mitglieder. Der Verein berät Projektgruppen, Organisationen und Wohnungsunternehmen dabei, inklusive Wohnprojekte umzusetzen.
Wo wird mein Kind wohnen?
Inklusive Wohnformen gibt es in Deutschland schon seit mehr als 30 Jahren. Seitdem haben sich unterschiedlichste Modelle entwickelt. „Es gibt keine Blaupause für inklusive Wohnformen", betont Tobias. „Jede ist anders." So gibt es Wohngemeinschaften, Haus- und Hofgemeinschaften oder inklusive Quartiersprojekte – die Bedürfnisse sind so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Ein Mensch im Autismus-Spektrum braucht vielleicht mehr Rückzug, ein anderer blüht in einer Gemeinschaft auf.
Diese Wohnformen gibt es:
- Hofprojekte: Leben und Arbeiten auf dem Land, oft mit therapeutischen Angeboten
- Quartiersprojekte: Wohnen mitten im Viertel, mit Einbindung der Nachbarschaft
- Betreutes Einzelwohnen: Eigene Wohnung mit regelmäßigen Assistenzstunden
- Wohngruppen: Mehrere Menschen mit ähnlichem Unterstützungsbedarf leben zusammen
- Wohngemeinschaften: Menschen mit und ohne Behinderung leben gemeinsam in einer WG
„Überlegt gemeinsam, was zu eurem Kind passt", rät Tobias Polsfuß. „Es gibt nicht die eine Lösung für alle." Am Anfang steht oft die Suche nach Gleichgesinnten. Viele inklusive Wohnkonzepte setzen auf Assistenz durch Mitbewohner:innen. Durch das freundschaftliche Miteinander lässt sich die Unterstützung flexibler organisieren als in institutionellen Strukturen. Und auch für junge Menschen ohne Behinderung ist das Leben in einer inklusiven WG attraktiv:
- günstig oder sogar kostenfrei wohnen
- durch Assistenzstunden Geld verdienen
- immer Gesellschaft haben und nie einsam sein
- etwas Sinnvolles tun und echten sozialen Kontakt erleben
„Es ist immer was los. Es ist nicht so, dass man nur hilft und nichts zurückbekommt", sagt Katja. Viele Mitbewohner ohne Behinderung schätzen genau diese lebendige Atmosphäre.
Tipp: Der Austausch mit Gleichgesinnten gibt dir Inspirationen, praktische Tipps und vor allem das Gefühl: Du bist nicht allein. Die Wohnsinn-Tage sind eine gute Gelegenheit, andere Familien kennenzulernen.
Den passenden Wohnraum finden
Steht fest, wer zusammenwohnen möchte, gilt es eine Immobilie oder barrierefreie Wohnung zu finden. Das geht nicht von heute auf morgen, immer wieder ist Durchhaltevermögen gefragt. „Man braucht wirklich einen sehr, sehr langen Atem", sagt Katja Sengelmann rückblickend. Es gab Durststrecken und Niederlagen. „Ohne die anderen Eltern und ohne WOHN:SINN hätte ich das nicht geschafft."
Irgendwann war klar, dass Katjas Tochter in eine inklusive WG ziehen wollte. Das Konzept: Vier Menschen mit und vier Menschen ohne Behinderung wohnen zusammen. So entstand der Name „Super 8“. Die Wohnungssuche in Berlin gestaltete sich allerdings als schwierig und die Gemeinschaft beschloss, selbst zu bauen.
„Wir hatten zuerst die Gruppe, dann haben wir einen Investor gefunden und schließlich das Objekt gemietet", erklärt Katja. Das Besondere: Obwohl es ein Neubau war, konnten sie ihre Wünsche mit einfließen lassen. Die WG liegt in einem neuen Quartier mit rund 200 Wohnungen. Von Anfang an haben sich die Eltern in einem Arbeitskreis eingebracht und das Quartier mitgestaltet. „Wir bieten zum Beispiel ein inklusives Bewegungsprogramm im Gemeinschaftsraum an", erzählt Katja Sengelmann. So kommen die Menschen ins Gespräch und lernen sich kennen.
Tipp: Plane genug Zeit ein! Von der ersten Idee bis zum Einzug können fünf bis acht Jahre vergehen. Das klingt lang, aber es gibt dir auch die Möglichkeit, alles in Ruhe zu planen und geeigneten Wohnraum zu finden.
Die Finanzierung sichern – übers persönliche Budget
Eine der größten Sorgen vieler Eltern ist die Finanzierung. Wie soll das Ganze bezahlt werden? Das persönliche Budget ist eine Alternative zur klassischen Heimunterbringung. Menschen mit Behinderung erhalten Geld, um sich ihre Unterstützung selbst zu organisieren – etwa durch Assistenzen. „Mit dem persönlichen Budget sparen wir uns die Heimaufsicht oder Auflagen. Wir können selbst entscheiden, wo eine Waschmaschine stehen muss", erklärt Katja Sengelmann.
Neben dem persönlichen Budget gibt es die Eingliederungshilfe und das Pflegegeld. „Es ist wichtig, sich früh mit dem Thema auseinanderzusetzen und zu schauen, welche Leistungen in Frage kommen", rät Tobias Polsfuß.
Eine andere Möglichkeit ist es, einen Verein zu gründen. Das klingt nach viel Bürokratie, hat aber einen entscheidenden Vorteil: Als eingetragener Verein können Fördergelder beantragt werden, etwa bei der Aktion Mensch oder anderen Stiftungen. Außerdem ist es so einfacher, Verträge abzuschließen, Konten zu eröffnen und gemeinsam Entscheidungen treffen. „Auch wenn es erstmal nach Aufwand aussieht – es lohnt sich", so Katja Sengelmann.
Tipp: Leg von Anfang an Geld zurück – auch wenn es nur kleine Beträge sind. Du brauchst Rücklagen für Juristen, Coaching, eventuellen Mietausfall oder unvorhergesehene Kosten.
Das Loslassen üben: Erst Assistenz, dann WG
Loslassen – das ist leichter gesagt als getan. Besonders Mütter denken oft, dass sie ihr Kind am besten kennen und niemand so gut für sie sorgen kann wie sie selbst. „Inzwischen habe ich verstanden, dass es irgendwann Menschen geben wird, die meine Tochter besser kennen als ich", sagt Katja Sengelmann ehrlich.
Mach dir klar, wie viel Unterstützung dein Kind wirklich braucht. „Ich war überrascht, wie viele Stunden da zusammenkommen – Dinge, die ich so nebenbei gemacht habe“, erklärt Katja Sengelmann. Diese Stunden müssen später durch Assistenzen abgedeckt werden. Je besser du das vorher einschätzen kannst, desto einfacher wird die Planung. Es klappt besonders gut, wenn Familien schon Erfahrungen mit Minijobbern oder Studierenden im Elternhaus gemacht haben. Wenn ein Kind gewohnt ist, von anderen Menschen betreut zu werden, fällt der Auszug leichter. Der Umzug in eine WG sollte nicht der erste Schritt in Richtung Fremdbetreuung sein.
Ganz ohne Sorgen ging es auch bei Katja Sengelmann nicht. Vor allem beim Thema Essen und Gewicht, denn Maja neigt zu Übergewicht. Die Frage war: Greife ich ein oder nicht? Wie viel Verantwortung trage ich noch? Katja hat einen Weg gefunden loszulassen, auch wenn es ihr manchmal schwerfällt. Seit viereinhalb Monaten lebt Maja nun in ihrer neuen WG und telefoniert noch oft mit ihrer Mutter. Und diese wiederum sieht regelmäßig nach dem Rechten, aber immer mit Ankündigung, damit alle Mitbewohner:innen sich darauf einstellen können. Auch für Katja Sengelmann ist das ein riesiger Schritt.
Tipp: Probier schon im Elternhaus aus, wie es ist, wenn andere Menschen dein Kind betreuen. Das können FSJler (Freiwilliges Soziales Jahr), Minijobber oder Studierende sein. So gewöhnen sich alle Beteiligten langsam daran.
Wie es Maja heute geht
„Tatsächlich bricht es mir das Herz, dass wir einen jungen Menschen, der eigentlich dabei war, nicht mitnehmen konnten", erzählt Katja Sengelmann. Nicht immer klappt alles – und das ist auch okay. Umso wichtiger ist es, gemeinsam daran zu arbeiten, dass mehr Menschen mit Behinderung die Chance auf selbstbestimmtes Wohnen bekommen.
Katja Sengelmann ist stolz auf ihre Tochter und richtig glücklich. „Wir können uns auf die Schulter klopfen", sagt sie nach all den Strapazen. „Unser Weg ist hier noch nicht zu Ende. Wir werden die WG noch eine ganze Weile begleiten. Aber mit dem Ziel, sie irgendwann ganz loszulassen." Maja jedenfalls ist sich sicher: „Ich fühl mich wohl in der WG. Die sind sehr nett und lächeln mich auch an. Nach Hause zurückziehen? Nein, das möchte ich nicht!“
Was du bedenken solltest:
- Manche Mitbewohnerinnen brauchen länger oder ziehen zwischendurch zurück zu den Eltern
- Ernährung kann ein sensibles Thema sein
- Oft muss sich erst einpendeln, wann etwas Assistenzleistung und wann Unterstützung eines Mitbewohners ist
- Lerne, dein Kind wirklich loszulassen
5 Tipps für den Weg zum inklusiven Wohnen:
- Fang früh an: Fünf bis acht Jahre Planung sind normal – von der ersten Idee bis zum Einzug.
- Vernetz dich: Elterngruppen, Vereine und Stammtische sind Gold wert.
- Plane mit deinem Kind: Überlege gemeinsam mit deinem Kind, wie es leben möchte und entscheide nicht über seinen Kopf hinweg.
- Lass dein Kind Assistenz kennenlernen: Sammelt bereits vor dem Auszug Erfahrungen mit anderen Bezugspersonen.
- Leg Geld zurück: Auch kleine Beträge helfen, um Mietausfälle, Coachings oder Jurist:innen zu bezahlen.
Hier kannst du mehr über den Verein WOHN:SINN erfahren:
Mehr zur WG „Super 8" in Berlin:
Weitere hilfreiche Links:
Verein "Gemeinsam wohnen Berlin e.V."
Aktion Mensch (Fördermöglichkeiten)
Podcast-Folge zur inklusiven WG:
„Der Weg zur inklusiven WG" mit Katja Sengelmann und Tobias Polsfuß
Schlagwörter zu diesem Eintrag
Energie-Impuls
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