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Übermäßige Belastungen im Alltag

Übermäßige Belastungen im Alltag

Viele Eltern kennen das: Jeden Tag dieselben Handgriffe, medizinische Geräte überwachen, funktionieren wie ein Uhrwerk, die Gespräche mit dem Partner gleichen einem Übergabeprotokoll. Für viel mehr reicht die Zeit nicht und schon gar nicht die Kraft. Durchwachte Nächte und Schlafmangel fordern ihren Tribut. Wir werden immer dünnhäutiger, Konflikte nehmen zu. So ging es auch einer unserer Mütter – bis sie das Hamsterrad durchbrach.

Wenn der Alltag keine Verschnaufpausen zulässt

Ich war am Ende. Pausen kannte ich keine. In unserem Wohnzimmer stapelten sich Kartons voller Sondennahrung, Verbandsmaterial und Schläuchen. Unsere älteste Tochter ist behindert und kann keine feste Nahrung zu sich nehmen. Sie muss über eine Sonde ernährt werden. So wachte ich an ihrem Bett, stand mitunter zwanzig Mal pro Nacht auf, wenn ein Knick im Schlauch war und die Sonde anfing zu piepsen. An Durchschlafen war nicht mehr zu denken. Tagsüber kamen noch unsere zwei anderen Kinder dazu, die mich auf Trab hielten, während ich gleichzeitig unsere Große versorgte. Ich lief einfach nur noch, wie eine Maschine. Mit der Zeit wurde ich immer reizbarer und spürte, dass ich an meine Grenzen kam.

Auch Helden haben Helfer
Meine Situation hat sich erst verändert, als ich beschloss, Hilfe anzunehmen. Was ist auch schon dabei? Haben nicht alle Helden einen Helfer an ihrer Seite – Frodo Beutlin, Harry Potter. Auch sie haben keine andere Wahl, als ihre Aufgabe zu erfüllen. Aber was wäre Harry ohne Hermine? Genau wie er auf ihre Hilfe setzt, habe ich erkannt, dass ich auf meinem Weg die Unterstützung von Babysittern, Integrationshelfern, der Pflegekasse oder anderen Eltern in Anspruch nehmen darf. Ich darf um Hilfe bitten, um neue Kräfte zu tanken.

Wo ich Unterstützung fand
So begann ich, mich zu informieren. Ich erfuhr, dass uns regelmäßig eine Kurzzeitpflege zustand und lernte die Verhinderungspauschale kennen. Und weil ich mich überall erkundigte, bekam ich Kontakt zu einer wundervollen Krankenschwester, die als Betreuerin für unsere Große einsprang, wenn wir mit den Geschwistern einen Ausflug machten. Sogar eine Ersatzpflege nahm ich in Anspruch, als ich spürte, dass ich eine Auszeit brauchte.

Langsam veränderte sich mein Leben
Schritt für Schritt bekam ich kleine Stückchen Freiheit zurück. Auch wenn das hieß, dass nun jede dritte Nacht eine Pflegerin neben dem Bett meiner Tochter Wache hielt. Dafür konnte ich nach langer Zeit mal wieder Durchschlafen und schon das allein fühlte sich einfach großartig an. Langsam entdeckte ich ein neues Hobby für mich: Nähen. Es war ideal, weil ich es jederzeit unterbrechen und liegenlassen konnte. Aber es half mir dabei, mich auch mal mit etwas anderem zu beschäftigen. Und als meine Große in der Schule eine Integrationshelferin bekam, die sie sogar abholte und nach Hause brachte, konnte ich endlich mal durchatmen.

Wie ich lernte, „Nein“ zu sagen
Noch eines habe ich gelernt: „Nein“ zu sagen. Zu Sachbearbeitern, Erzieherinnen und auch zu meinen Kindern. Was hat es mich Energie gekostet, immer für alles verantwortlich zu sein. Bis ich die „Leider...denn...aber“ Formel kennenlernte. Sie geht etwa so: „LEIDER kann meine Tochter in der Schule nicht beim Essen stillsitzen, DENN sie ist syndrombedingt dazu nicht in der Lage und hat laut unserem Kinderarzt keine Kontrolle über ihre Bewegungen. ABER ich werde Ihnen Bescheid geben, wenn sich durch unsere Therapie etwas daran ändert.“ Irgendwann fühlte sich diese Formel richtig befreiend an.

Warum ich zuhause zur Königin wurde
Sogar meine Kinder merkten, dass etwas anders lief. Ich war nicht mehr die ewige Ja-Sagerin. „LEIDER kann ich dich nicht zum Klavierunterricht fahren, DENN ich muss noch einen Antrag ausfüllen und die Wäsche machen, damit du frische Sachen zum Anziehen hast. ABER wenn du die Wäsche übernimmst, dann hätte ich Zeit, dich zur Klavierstunde zu bringen.“ Ich räumte nicht mehr jedem hinterher, sondern ich war zuhause zur Königin geworden. Meine Kinder waren Prinz und Prinzessin, aber ich behielt stets das Zepter in der Hand. Allmählich verteilten sich die Aufgaben gerechter auf die ganze Familie.

Mein neues Leben
Tatsächlich fühlt es sich für mich fast an, wie ein neues Leben. Nun weiß ich, dass ich auch weiterhin ein Stück weit die Frau sein darf, die ich vor der Geburt meiner Tochter war. Eine Frau, die mitten im Leben stand. Nur, dass mein Leben heute anders aussieht. Es ist ein Leben unter außergewöhnlichen Umständen, das wir gemeinsam meistern – mit all unseren Kindern. Seit ich einen Ausgleich zu meinem Leben als pflegende Mutter habe, fühle ich mich nicht mehr überlastet, sondern für alle Herausforderungen gerüstet.

Der Schlüssel für innere Balance liegt in dir selbst
Verzichts- und Überforderungsmodelle gehen auf Dauer nie gut. Irgendwann kennen wir unsere eigenen Bedürfnisse gar nicht mehr, weil wir sie zu lange vernachlässigt haben. Dann wird es Zeit, nach uns selbst zu schauen, bevor es zum Zusammenbruch kommt.
Welche Freiräume - seien sie auch noch so klein - kann ich mir nehmen? Wen brauche ich dazu? Und vor allem: Wie nutze oder genieße ich diese Freiräume? Der erste Schritt beginnt immer damit, offen darüber zu sprechen, wie es dir geht. Mit der Familie, mit Freunden und Bekannten. Dann ergeben sich auf einmal Möglichkeiten, auf die du nie im Leben gekommen wärst. Fast immer gibt es Lösungen, wenn du die Augen nach ihnen offenhältst. Trau dich, dir selbst etwas zuzugestehen.

Tipps in Kürze

  • Trau dich, Hilfe anzunehmen
  • Sprich offen mit deiner Familie über deine Bedürfnisse
  • Setze klare Grenzen und sei die Königin in deinem Königreich
  • Nimm dir regelmäßig Zeit für dich
  • Lerne „Nein“ zu sagen

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